Wo Bretter
noch Freiheit bedeuten
Snowboarden ist nicht einfach ein Boom, es
ist heutzutage der Boom schlechthin. In der
Schweiz haben gegen 100 000 Leute das
tänzerische Gleiten, das nicht nur Sportver-
gnügen ist, sondern gleichsam eine Lebens-
philosophie darstellt, entdeckt. Und täglich
werden es mehr.
Eigentlich fing alles denkbar schlecht an für den neuen Sport. Anfangs der achtziger Jahre brachten einige Freaks aus Europa die ersten Snowboards aus den USA mit nach Hause. Nicht nur in Amerika, als die ersten Versuche auf den Snurfern gemacht wurden, sondern auch als das Material der Snowboards schon bedeutend ausgereifter war, und auch in Europa einige =Spinner= auf nur einem Brett ins Tal schwangen, hatten viele Skifahrer lediglich ein müdes Lächeln für diese Andersdenkenden übrig. Später, als die Zahl der Snowboar- der von Jahr zu Jahr zunahm, fühlten sich die Skifahrer in ihrer Ruhe gestört. In vie-
len Skigebieten wurde den Snowboardern die Benützung der Anlagen untersagt.
Doch auch diese Maßnahmen konnten den Sport nicht bremsen, er boomte in kürzester Zeit. Weltweit gibt es heute schon knapp 1,8 Millionen Snowboarder auf den Pisten. Das bedeutet prozentual zu den Skifahrern 12 Prozent, wobei die 6- bis 17jährigen die größte Gruppe der Snowboarder ausmachen. Das Durch- schnittsalter ist somit einiges jünger als bei den Skifahrern. Die kühnste aller Prognosen besagt, daß im Jahr 2000 die Hälfte aller Pistenbenützer auf einem Snowboard stehen wird.
Vom Wasser auf den Schnee
=Erfunden= wurde das Snowboarden in den 70er Jahren, indem sich einige Wellenreiter aus Kalifornien eine Alternative fürs Skifahren suchten. Damals kam der Snurfer - ein 1,20 m langes, schmales Brett ohne eine feste Bindung und mit einer Halteleine zur Schaufel - als einziges Brett auf den Markt. Da es ohne Kanten pistenuntauglich war und sich auch im Tiefschnee nicht optimal beherrschen ließ, genügte es den Anforderungen der Wellenreiter nicht. Sie beschlossen, sich nach anderen Möglichkeiten umzuschauen und fanden sie in den Snowboards, die Jake Burton-Carpenter aus Manchester/Vermont an der Ost- küste der USA ab den späten 70er Jahren baute. Die ersten Boards waren noch unbearbeitet, hatten weder Stahlkanten noch Beläge. Man entwickelte Stahlfin- nen, ähnlich wie man sie bei Surfboards findet, und ein einfaches Bindungs- system .Bald wurden in Amerika die ersten Firmen gegründet. Ende der 70er Jahre verkaufte Jake Burton über seine Firma die ersten Serienboards. Diese
Bretter besaßen noch keine Stahlkanten, dafür aber Seitenfinnen aus Stahl. Für die Befestigung der Füße griff man auf die Wasserskibindung zurück. Im ersten Jahr verkaufte er über 300 handgefertigte Boards über ein kleines Versand- system sowie aus seinem Wagen, mit dem er die Ostküste auf und ab fuhr. Ne- ben Burton boten bald einmal weitere Firmen wie Wintersurf, Barfoot oder Tom Sims Snowboards aus eigener Produktion an. Jahrelange Entwicklung und diverse Tests brachten anfangs der 80er Jahre ein Snowboard heraus, welches mit durchgehenden Stahlkanten, Skibelägen, Seitenfinnen aus Metall und einer festen Bindung versehen und damit pistentauglich war.
In der Schweiz faßte der neue Sport schon bald Fuß. 1986 fanden in St. Moritz die ersten Schweizer Meisterschaften statt. Diese Meisterschaften weckte das Interesse der Leute, und im Winter 1986/87 öffnete St. Moritz als eine der ersten Stationen alle Pisten und Lifte für die Snowboarder. Anfangs März 1987 trafen sich mehr als 300 Profis aus drei Kontinenten zu den ersten Snowboar- ding Weltmeisterschaften in St. Moritz, die den Snowboardsport in der ganzen Welt, vor allem aber in Europa, mitgeprägt haben. Das Oberengadin wurde da- durch zu einem Treffpunkt der internationalen Snowboardszene. Im selben Win- ter wurden auch die ersten Snowboard-Schulen in Graubünden eröffnet. Heute bieten in Kanton 14 Schulen Snowboardunterricht an.
=Pleasuredome= und Board-Hotel
Inzwischen bietet Graubünden den Snowboardern ein vielseitiges Angebot. So wurde in Laax zum Beispiel in der Vorsaison neben der permanent stehenden Halfpipe auf dem Vorab-Gletscher eigens für Snowboarder ein =Pleasuredome= mit Hindernissen aus Brettern, Stämmen, Tonnen, Röhren und Schneehaufen errichtet. Am Abend finden im Tal jeweils Partys mit Live-Konzerten statt. Und Davos bietet mit dem in diesem Jahr eröffneten Hotel =Bolgeschanze= das erste Snowboard-Hotel in der Schweiz. Neu bekommt man ab diesem Winter zudem einen Bahn/Bus-plus-Skipaß für fast alle Skigebiete Graubündens, dank denen man günstig mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die =Ferienecke= und zu den jeweiligen Skigebieten gelangen kann.
Tailliert oder mehr Banane
Die Swiss Snowboard Association (SSBA) wurde 1987 für das Club- und Wett- kampfwesen gegründet. Zwei Jahre später entstand mit dem Schweizer Snow-
board Schulverband (SSBS) ein eigenständiger Verein, der für die Ausbildung der Snowboardlehrer sowie der Schulen verantwortlich ist. Momentan gibt es schon 75 Clubs mit weit über 3000 Mitgliedern in der ganzen Schweiz. Bei den Wettkämpfen sind zwei Disziplinen zu unterscheiden: Alpine und Freestyle. Zur alpinen Disziplin zählen ähnlich wie beim Skifahren Super-G, Riesenslalom, Spezial- und Parallel-Slalom. Gefahren wird mit Alpine/Race-Boards mit Platten- bindungen und Hardboots. Die asymmetrisch gebauten, stark taillierten und =höllisch= schnellen Boards weisen eine Länge von 1,45 bis 1,70 m auf. Da man mit diesen Brettern vorwiegend auf der Kante fährt, verfügen sie über ei- nen besseren Kantengriff als die Freestyle-Boards. Zu der Freestyle-Disziplin zählt die Halfpipe und der Obstacle Course. Für diesen Zweck verwendet man Freestyle/Halfpipe-Boards mit Schalenbindungen. Ihre Länge ist ähnlich wie bei den Alpine-Boards, aber symmetrisch und viel weicher aufgebaut. Da sie von vorn und hinten sehr stark aufgebogen sind, sehen sie aus wie eine Banane.
Halfpipe und Obstacle Course
Die Freestyle-Disziplin der Halfpipe (halbe Röhre) wurde von Skatboarding übernommen. Dabei werden in der 80 bis 100 Meter langen, 10 bis 20 Meter breiten und bis zu drei Meter hohen Schneerinne verschiedene aneinanderge- gereihte Sprünge, Tricks und Flips von einer Jury bewertet. Dies ist bei Wett- kämpfen wohl die spektakulärste Disziplin. Beim Obstacle Course (Hindernislauf) werden auf einer rund 150 Meter langen und 30 Meter breiten Rennstrecke verschiedene Hindernisse aufgebaut. Der Wettkampf wird bei keinem Rennen gleich verlaufen, da der Obstacle Course den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort angepaßt wird, was für die Fahrer bei jedem Rennen unterschiedliche Heraus- forderungen ergibt.
Die Rennwettkämpfe unterscheiden sich in vier Gruppen: Der Regio Cup ist ei- ne regionale Rennserie, aufgeteilt in drei Regionen Ost, Mitte und West. Er bie- tet den Nachwuchsfahrern die Möglichkeit, auch ohne Lizenz an vielen Ren- nen teilzunehmen und so die nötigen Erfahrungen zu sammeln.
Beim Swiss Cup, neu Swissair Snowboard Cup genannt, einer nationalen Renn- serie, die sich aus Alpine- und Freestylerennen zusammensetzt, kämpfen die Fahrer um Punkte und den Titel. Der Cup ist auch wichtig für die Qualifikation zur World Pro Tour. Gegen Ende der Snowboardsaison findet die Schweizer- meisterschaft sowie eine Junioren-SM statt, an der alle lizenzierten Fahrer, die sich während der Swissair Snowboard Cups qualifiziert haben, starten können.
Die World Pro Tour bietet den Höhepunkt im internationalen Rennzirkus. Bei den Weltmeisterschaften 1993 im österreichischen Ischgl sahnten die Schwei- zer ordentlich ab. Bei den Frauen wurde Nicole Angelrath Weltmeisterin in der Halfpipe, Cla Mosca aus Scoul wurde Weltmeister im Riesenslalom.
Der Verfasser dieses Artikels
Kaiken Ahne aus Tamins
ist begeisterter Snowboarder