Nikolaus Heusler Archiv

Erschienen in 64'er Magazin, Ausgabe 03/1994 · Originaldatei: BLUE.TXT

Hinweis: Dies ist das an die Redaktion eingereichte Manuskript, nicht der gedruckte Endtext. Layout, Bildunterschriften, Korrekturen und Kürzungen der Redaktion können in der veröffentlichten Fassung abweichen.

Objekt64'er Magazin
Ausgabe03/1994
RubrikSoftware-Test
RedakteurMA Matthias
AutorNicki Heusler, XXX/XXXXXX
Datum30-12-1993
ThemaTestbericht THE BIG BLUE READER

Elefantenhochzeit

Der C 64 und die PCs - zwei unterschiedliche Welten. Daten auszutauschen war bisher schwierig. Der Big Blue Reader verspricht Abhilfe: PC-Disketten auf dem C 64 lesen, schreiben und auswerten. Ein hohes Ziel. Unser Testbericht verrät, was tatsächlich dahintersteckt.

von Nikolaus M. Heusler

Ä

pfel und Birnen - so könnte man die Disketten umschreiben, die bei der Arbeit mit dem C 64 und einem PC entstehen. Es ist nicht möglich, mit dem PC Disketten zu verarbeiten, die ein C 64-System geschrieben hat. Und umgekehrt war bisher auch unmöglich. Mit dem "Big Blue Reader", einem besonderen Kopierprogramm, soll das anders werden. Das Programm, so verspricht seine Werbung, kann mit dem PC beschriebene Disketten auf dem C 64 lesen und außerdem Files erzeugen, die ein PC versteht. Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Der Reader ist ein reines C 64-Programm, keine Software für den PC. Bedingung ist allerdings ein Laufwerk vom Typ 1571 oder 1581, oder ein CMD-Laufwerk. Die 1541 eignet sich auch mit dieser Spezialsoftware nicht für PC-Disketten, da ihr der dafür erforderliche Controller fehlt.

Der Big Blue Reader ist in je einer Version für den C 64 und den C 128 erhältlich. Beide bieten in etwa die selben Funktionen, daher beschränken wir uns im weiteren auf die Beschreibung der Version für den C 64. Das Programm wird von der Rückseite der nicht kopiergeschützten Diskette geladen. Der eingebaute Schenll-Lader ist offenbar ziemlich anfällig gegen Hardware-Erweiterungen, aufgerüstete Betriebssysteme müssen abgeschaltet werden. Nach kurzer Zeit befindet man sich im Hauptmenü (Bild). Hier lassen sich Disketten lesen, gelesene Dateien kopieren und drucken oder Diskettenbefehle senden. Die grundsätzliche Vorgehensweise, um ein File von einem Computer zum anderen zu übertragen, ist eigentlich ganz einfach: Soll beispielsweise ein PC-Text in das C 64-Format übernommen werden, liest man zunächst das Inhaltsverzeichnis der Diskette. Bei der entsprechenden Abfrage teilt man dem Programm mit, daß es sich um eine PC-Floppy handelt. Aus der Anzeige aller vorhandenen Dateien werden dann die herausgepickt, die übernommen werden sollen. Der C 64 liest diese Files in seinen Speicher und schreibt sie auf eine andere Magnetscheibe zurück - laut Benutzervorgabe im C 64-Format. Zu allen diesen Aktionen ist kein PC notwendig - der C 64 mit dem Programm und einer 1571 genügt.

Programm mit kleinen Fehlern

So einfach klingt das in der Theorie. Die Praxis sieht leider anders aus. In unserem Test akzeptierte der Reader leider bei weitem nicht alle PC-Disketten. Scheinbar völlig unabhängig vom Format (es gibt auf dem PC verschiedene Möglichkeiten bezüglich der Kapazität, eine Floppy zu formatieren) und Hersteller der Diskette wies das Programm einige Disketten, die auf dem PC einwandfrei lesbar sind, zurück. Die meisten Floppies ließen sich allerdings immerhin lesen, teilweise traten allerdings sporadisch Störungen auf. Auf dem Bildschirm wird das Inhaltsverzeichnis angezeigt, ggf. lassen sich weitere Unterverzeichnisse öffnen.

Die Übertragung vom PC zum C 64 klappte dann im Allgemeinen auch einwandfrei. Die erzeugten SEQ-Dateien können auf dem C 64 weiterverarbeitet werden. Auf Wunsch läßt sich der Filetyp auch in PRG oder USR ändern. Als wir allerdings versehentlich Daten im C 64-Format auf eine MS-DOS-Diskette schreiben wollten, fand das Programm nichts Schlimmes dabei und führte den Auftrag brav aus. Die Floppy mußte hinterher neu formatiert werden, sie war auf keinem der beiden Rechner mehr vernünftig lesbar. Äußerst unschön, meinen wir.

Dateien, die zu groß für den Speicher des C 64 sind, werden im Directory zwar angezeigt, können aber nicht für die Kopierung gewählt werden.

Beim umgekehrten Weg sieht es leider gar nicht rosig aus: Es gelang in unserem Test kein einziges Mal, ein C 64-File auf eine PC-Diskette zu kopieren! Mal gelang der Vorgang ohne Probleme, der PC konnte auf "seiner" Diskette allerdings keine Datei dieses Namens finden. Statt dessen wurde ein File mit völlig unsinnigem Namen eingerichtet. Ein anderes Mal wurde nicht nur keine neue MS-DOS-Datei angelegt, sondern sogar andere Files beeinträchtigt.

Der Big Blue Reader unterstützt Laufwerke vom Typ 1571, 1581 sowie die CMD-Drives FD 2000 und FD 4000 und RAM-Erweiterungen. Welche Geräte angeschlossen sind, erkennt das Programm automatisch und zuverlässig. Der Anwender muß nur darauf achten, den Geräten unterschiedliche Nummern zu geben.

Und wie sieht es mit HD-Disketten aus? 3,5 Zoll-Disketten lassen sich im MS-DOS-Format bis auf 1,4 MByte formatieren. Dieses Format wird nur von der FD 4000 gelesen. Die 1571 verkraftet maximal 360 KByte. Der Versuch, hier eine 1,2 MByte-Diskette (High Density, 5 ¼ Zoll) zu lesen, wird mit der Standard-Fehlermeldung bestraft, die immer dann erscheint, wenn MS-DOS-Floppies nicht gelesen werden können.

Von den kleinen Macken abgesehen erkennt der Reader Fehlbedienungen recht zuverlässig. Allerdings verschwindet die Meldung sofort nach ihrem Erscheinen wieder, daß eine C 64-Diskette nicht gelesen werden konnte. Falls man versucht, ein ausgeschaltetes Laufwerk anzusprechen, stürzt das Kopierprogramm gar mit einem lapidaren I/O ERROR #5 ab.

Das englische Benutzerhandbuch zum Programm umfaßt rund 30 Seiten und beschreibt alle Funktionen klar verständlich. Die Bedienung erfolgt allerdings auch weitgehend selbsterklärend. Der Anwender wird bequem durch Menüs geführt. Daß der Kopiervorgang der ausgewählten Dateien mit der Taste Pfeil nach oben eingeleitet wird, ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, stört aber nicht weiter.

Unter dem Strich

Hinter dem Big Blue Reader steckt zweifelsohne eine sehr interessante Idee, die offenbar nur in einigen Details noch nicht ausgereift ist. Für den doch recht stolzen Preis von 75 DM darf man eigentlich schon erwarten, daß das Programm ohne Fehler arbeitet. Die Kopierung von PC-Dateien in das C 64-Format klappt im Allgemeinen recht zuverlässig, vorausgesetzt das Programm akzeptiert die Quelldiskette und man macht keine Fehler. Der umgekehrte Weg ist allerdings nicht ohne weiteres möglich. Das Programm ist daher im Augenblick eigentlich nur für den eine Überlegung wert, der oft PC-Files mit dem C 64 weiterverarbeitet.

(Nikolaus Heusler/ma)

The Big Blue Reader V4.0

ist ein Kopierprogramm, das auf dem C 64 sowohl C 64-Disketten als auch PC-Disketten (MS-DOS) verarbeiten soll. Die Kopierung vom PC zum C 64 klappt halbwegs zuverlässig, umgekehrt arbeitet das Programm fehlerhaft.

Positiv:

- selbsterklärendende Menüführung

- Unterstützung von 1571, 1581 und CMD-Laufwerken

- HD-Disketten 3,5 Zoll mit FD 4000

- Programm nicht kopiergeschützt

- Druckfunktion

Negativ:

- Kopierung von C 64 zum PC gestört

- Programm äußerst fehlerbehaftet

- Handbuch englisch

- relativ hoher Preis

- nicht ausreichend sicher gegen Bedienungsfehler

- nicht geeignet für die 1541

Wichtige Daten:

Produkt: The Big Blue Reader V4.0 by Michael R. Miller

Preis: DM 75,00

Bezugsquelle: CMD direkt, Postfach 58, A-6410 Telfs, Österreich, Tel. (0043) 5262-66080

Bild 1. Das übersichtliche Hauptmenü des Big Blue Readers